Mit Unschärfe gestalten
In dieser Folge der CEWE Fotoschule zeigt Ihnen Micha Pawlitzki, wie Sie mit gezielter Unschärfe nicht weniger, sondern mehr erzählen – und dabei Raum für Emotion, Fantasie und Interpretation schaffen.
Durchsuchen Sie einmal das Internet nach Tipps, um besser zu fotografieren. Viele der angebotenen Vorschläge werden sich um das eine Thema drehen: Wie bekommt man noch schärfere Bilder? Alle reden von Schärfe – und zugleich ist das Stilmittel der Unschärfe in der Fotografie so beliebt wie nie. Aus gutem Grund sucht der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich in seinem Buch „Geschichte der Unschärfe“ die Frage zu beantworten: ‚Warum können Bilder populär sein, auf denen kaum etwas zu erkennen ist?‘ Unscharfe Fotografien haben einen großen Vorteil: Mit dem Verschwinden von Konturen und mit der Faszination des nicht Fassbaren eröffnen solche Bilder dem Betrachtenden Interpretationsspielräume, sie ermöglichen Freiheit zum Denken und Träumen.
Die Bildqualität hängt stark davon ab, in welcher Art und in welchem Umfang ein Bild unscharf fotografiert wurde. Unschärfe muss bewusst und gekonnt eingesetzt sein, ansonsten wirkt ein Motiv schnell beliebig. An vier Bildern zeige ich Ihnen, wie Sie ganz unterschiedlich Ihre Fotos mit Unschärfe gestalten können.
Dr. Micha Pawlitzki ist einer der besten europäischen Naturfotografen. Er kreiert faszinierende Natur- und Landschaftsfotos auf höchstem Niveau. Im CEWE Kundenmagazin FOTOZEIT gibt er als Gastautor der Fotoschule Einblicke in die Bildkomposition der Profis. Weitere Informationen über seine Arbeit finden Sie am Ende dieses Artikels.
Im ersten Bild habe ich einen zerbrechlichen Raureif mit einem 120 mm Makroobjektiv fotografiert. Makroobjektive sind ohnehin auf eine visuell angenehme Tiefenschärfe und schöne Bokehs optimiert. Zusätzlich habe ich mit einer offenen, also kleinzahligen Blende (5,6) gearbeitet, damit der unattraktive Hintergrund unscharf wird und kein Baum, keine Wiese, kein Strauch von dem filigranen Reif ablenkt.
Mit Unschärfe fotografiert – mystische Fotos in Szene setzen
In diesem Bild verwende ich eine andere Art von Unschärfe. Mit einer 5-minütigen Langzeitbelichtung wird das stark aufgewühlte Meer komplett seidig glatt und die stark strukturierten Wolken wirken so viel weicher. Auch wenn ich mit einer komplett anderen Technik arbeite: Der Effekt für das Hauptmotiv ist der gleiche wie bei dem Foto vom Raureif. Die bizarren Felsnadeln werden ohne jede Ablenkung durch Wellen oder Wolken prägnanter und können ungestört wirken.
Auch im dritten Bild habe ich langzeitbelichtet – allerdings nicht im Minutenbereich wie im zweiten Bild, sondern nur 2 Sekunden. So behalten die Wellen ihre Grundform und Dynamik; sie verschwimmen nicht bis zur Unkenntlichkeit, sondern werden nur etwas mystischer. Je nach Mächtigkeit und Höhe der Wellen muss man ein wenig mit den Belichtungszeiten spielen, um wirklich gute Ergebnisse zu erzielen. Bei zu schnellen Zeiten können kleine und mittelgroße Wellen unattraktiv aussehen; zu langsame Zeiten lassen sie (ohne einen weiteren Eyecatcher wie die Fels nadeln in Bild 2) zu einem einzigen Brei verschwimmen.
Im vierten Bild habe ich das Sonnenlicht auf Wellen mit einem 260 mm Teleobjektiv fotografiert. Die Belichtungszeit ist mit 1/1.000 Sekunde sehr schnell und das Wasser müsste eigentlich gestochen scharf sein. Ich habe aber die Schärfe manuell auf „unscharf“ gestellt und so entstehen schön verteilte und unterschiedlich helle Punkte, die wie ein abstraktes Gemälde aussehen.
5 Tipps vom Foto-Profi
1. Der Schärfepunkt entscheidet
Gerade in der Makrofotografie ist es bei Motiven mit geringer Tiefenschärfe zentral, dass Ihr Schärfepunkt genau an der visuell wichtigsten Stelle sitzt. Fotografieren Sie solche Motive mit Stativ, um den exakten Schärfepunkt zu treffen.
2. Offene Blende, längere Brennweiten
Verwenden Sie kleine Blenden (z.B. f/2 oder f/3,5), um z.B. Hintergründe unscharf werden zu lassen. Auch längere Objektivbrennweiten von ca. 100- 200mm helfen, damit Hintergründe besser verschwimmen.
3. Mut zur Unschärfe!
Wenn Sie wenig bis nichts mehr in einem Bild scharf haben möchten, können Sie mit sogenannten ICM-Techniken arbeiten. Hier bewegen Sie die Kamera mit einer längeren Belichtungszeit; es können sehr malerische Motive entstehen. Es gibt gute Workshops, in denen Sie diese Techniken lernen können.
4. Unschärfen durch Hilfsmittel erzeugen
Weichzeichner-Filter, Unschärfe Presets in Bildbearbeitungs Software, das Verwenden von Spezialoptiken (z.B. Lensbaby, Lomo- oder Insta-Kameras, etc.): Sie können auch mit externen Hilfsmitteln attraktive, unscharfe Bilder erzeugen.
5. Unschärfen bei Handy-Fotos
Smartphones liefern bauartbedingt extrem scharfe Bilder. Mit dem Apple-Porträtmodus können Sie jedoch in der kamerainternen Bearbeitung nachträglich die Blende anpassen und so die Schärfentiefe nach Ihrem Geschmack gestalten.
Haben Sie schon die anderen Teile der CEWE Fotoschule gelesen?
- Bildgestaltung mit Linien, Punkten und Flächen
- Fotografieren im Goldenen Schnitt - und mittig
- Bilder gestalterisch einrahmen
- Gestalten mit Licht
- Bessere Bilder durch Anschnitte
- Spannende Spiegelungen
- Minimalistisch fotografieren
Viel Freude beim Fotografieren wünscht Ihnen
Ihr Team von CEWE
