CEWE Fotoschule
Minimalistisch fotografieren
Weniger ist mehr! Klingt zunächst simpel. In dieser Folge der CEWE Fotoschule zeigt Ihnen Micha Pawlitzki, warum gerade das Weglassen ein Bild vollkommen macht.
Um sich dem Thema Minimalismus anzunähern, lohnt ein kurzer Blick zurück in die Kunstgeschichte. In den 50er- und 60er-Jahren war die Blütezeit des abstrakten Expressionismus, dessen Kunst starke Emotionen, Subjektivität, auch visuelles Chaos ausstrahlte. Parallel dazu entwickelte sich die Pop-Art mit ihren prägnanten Farben und trivialen Motiven aus Populärkultur, Medien und Werbung. Als eine Art Gegenbewegung zu diesen beiden plakativen Strömungen wandten sich Künstler einer neuen Einfachheit zu: Der Suche nach Reinheit, Essenz, dem Wesentlichen. Der Minimalismus war geboren.
Dem Minimalismus liegt die Überzeugung zugrunde, dass ein Werk nur durch Reduktion vollendet werden kann. Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry bringt diese Stilrichtung auf den Punkt: „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.“ Ich analysiere nun vier Bilder, die ich in New York fotografiert habe, genau unter Saint-Exupérys Prämisse.
Dr. Micha Pawlitzki ist einer der besten europäischen Naturfotografen. Er kreiert faszinierende Natur- und Landschaftsfotos auf höchstem Niveau. Im CEWE Kundenmagazin FOTOZEIT gibt er als Gastautor der Fotoschule Einblicke in die Bildkomposition der Profis. Weitere Informationen über seine Arbeit finden Sie am Ende dieses Artikels.
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In diesem Foto habe ich eine sehr klare, einfache Komposition gewählt: Der Raum wird durch Boden und Wand in hell/dunkel geteilt, darüber hinaus gibt es nur dreieinhalb Bilder und einen kleinen Jungen zu sehen, der diese betrachtet und der zudem die gleiche Bewegungsrichtung nach rechts hat. Wenn ich jetzt die Grundfrage des Minimalismus stelle „Was muss weggelassen werden, um ein stärkeres Bild zu erhalten?“, dann sehe ich in diesem Motiv nichts, was ich noch wegnehmen könnte, ohne das Motiv zu schwächen. Denn für eine funktionierende Bildwirkung brauchen die dreieinhalb Bilder an der Wand den Jungen und der Junge braucht die Bilder.
Bei diesem Bild habe ich die Freiheitsstatue vom Boot aus fotografiert. Sie kontrastiert als Silhouette perfekt gegen den hellen Bereich des Himmels, darüber habe ich die dramatischen Wolken in die Bildgestaltung einbezogen. Wäre ein rein blauer Himmel minimalistischer gewesen? Vielleicht, aber sicher auch langweiliger. Die große Wolkenfläche dient als sogenannter Negative Space und verstärkt in ihrer Einfachheit das eigentliche Motiv.
Wenn Minimalismus die Kunst ist, wegzulassen – wäre dann bei diesem Bild die Spiegelung nicht zu viel des Guten? Ich habe beim Schreiben dieses Artikels immer wieder den gespiegelten Teil mit meiner Hand abgehalten und komme immer neu zu dem Schluss, dass das Bild trotz dieses zusätzlichen Elements minimalistisch bleibt und ohne Spiegelung in seiner Wirkung zu eindimensional wäre.
Zum Schluss mit Bild 4 ein Farbfoto, bei dem ich zusätzlich mit einem Farbakzent spiele. Eine Person mit einem roten Schirm läuft im verregneten New York auf mich zu. Anders als Bild 3 nehme ich bei diesem Bild allerdings quasi nur die Spiegelung der Person zwischen den Häusern in den Ausschnitt. Weil dieses Foto ohnehin schon am Rande des Minimalismus balanciert, würde die zusätzliche Integration von realen Hochhäusern, Person und Regenschirm das Motiv viel zu unruhig machen. Dann wäre es sicher kein Minimalismus mehr.
Wie bei so vielen Bildern bleibt auch hier die generelle Frage: Ist trotz der Reduktion auf die Spiegelung zu viel los auf dem Bild? Versuchen Sie einmal selbst, einzelne Bildbestandteile abzudecken: Wird das Motiv dadurch besser oder nur langweiliger? Probieren Sie es aus. Weglassen wirkt oft eindrucksvoller.
5 Tipps vom Foto-Profi
1. Lässt sich das Motiv weiter reduzieren?
Ihre erste Frage bei minimalistischer Fotografie sollte immer sein: Welche Elemente kann ich aus meinem Motiv noch herauslassen, damit das Bild besser wird?
2. Mit viel Freiraum experimentieren
Nutzen Sie die Freiheit, mit visuellem Freiraum zu spielen. Welcher Negative Space macht Ihr Hauptmotiv stärker?
3. Blickwinkel und Objektive wechseln
Bei minimalistischer Fotografie kommt es extrem auf eine sehr klare Positionierung Ihres Hauptelements an. Es kann sein, dass Sie eine höhere/tiefere/entferntere/nähere Perspektive suchen oder Ihre Brennweite wechseln müssen, um Unwichtiges aus dem Bild herauszuhalten.
4. Bunt oder Schwarz-Weiß?
Bei bunten Bildern besteht immer eine Restgefahr, dass (zu viele) Farben Ihr Bild unruhig machen. Probieren Sie immer auch eine Schwarz-Weiß-Variante, um zu sehen, wann Ihr Motiv wirkungsvoller ist.
5. Gezielt mit Farbakzenten arbeiten
Wenn Sie nicht mit schwarz-weißen Bildern arbeiten: Auch in der Farbfotografie können Sie bei einer ruhigen Grundfarbigkeit mit gut platzierten Farbakzenten das wichtigste Bildelement hervorheben (z. B. grüner Schirm, rotes Kleid, lila Blüte etc.).
Haben Sie schon die anderen Teile der CEWE Fotoschule gelesen?
- Bildgestaltung mit Linien, Punkten und Flächen
- Fotografieren im Goldenen Schnitt - und mittig
- Bilder gestalterisch einrahmen
- Gestalten mit Licht
- Bessere Bilder durch Anschnitte
- Spannende Spiegelungen
- Unschärfe gekonnt einsetzen
Viel Freude beim Fotografieren wünscht Ihnen
Ihr Team von CEWE
