Bilder im Kopf

Es sind einzigartige, ganz besondere Momente, die Ruth Marcus mit Ihrer Kamera festhält. Momente, die einem beim Betrachten ihrer Fotos deutlich machen, dass es zwischen Mensch und Tier etwas magisches geben muss. Etwas, dass Sprache völlig bedeutungslos werden lässt. Wie sonst konnte es der hessischen Tierfotografin in ihrem neusten Bildband gelingen, Mann und Tier so abzulichten, dass dem Betrachter beim Durchblättern der 176 Seiten bei fast jeder das Herz aufgeht. „Männer und ihre Tiere“, ist keine fotografische Inszenierung von perfekt gezüchteten Rassetieren und ihren Haltern. Vielmehr scheint es Ruth Marcus mit ihrer Kamera zu gelingen sowohl die Seele der Zwei- und Vierbeiner, sowie Mehrflossler, wie auch die ihrer Halter auf ihren Bildern sichtbar werden zu lassen. Wie sonst können Bilder, wie die von Dr. Olms und seinen Arabern entstehen, auf denen der Verleger und seine Pferde unzweifelhaft miteinander kommunizieren ohne auch nur ein Wort zu sagen. Unbeschreiblich.

Ruth Marcus und ihr Pferd Sharon <br>Foto: Ulf Duda

Ruth Marcus und ihr Pferd Sharon
Foto: Ulf Duda

Angekommen im Paradies

Doch wie gelingen solche Fotos? Und vor allem, wer ist in der Lage, diese unvergleichlichen Momente so normal und doch perfekt einzufangen. Das wollten wir genauer wissen und haben uns mit unserem CEWE Fotografen Ulf Duda auf den Weg in die Nähe von Frankfurt am Main gemacht, um diese begnadete Frau hinter der Kamera kennenzulernen. Als wir auf der Kieseinfahrt vor den Garagen des Marcusschen Hofes zum Stehen kommen, sind wir scheinbar mitten im Paradies. Satte grüne Wiesen und leichte Hügel durchzogen von Waldstücken lassen erkennen, dass die Uhren hier etwas anders ticken. Kein Großstadtlärm, keine Hektik, nur ganz viel Ruhe. Ruth Marcus steht schon an der Tür, als wir uns entlang von Scheunen und Hauptgebäude auf dem Weg zum Eingang befinden. Sie strahlt und winkt uns freudig zu. Zuerst begrüßt uns allerdings jemand ganz anderes: Herr Rosemann. Der Saluki-Rüde kommt uns schwanzwedelnd auf halbem Weg entgegen gelaufen und nimmt uns ebenso freudig in Empfang, wie seine Halterin. Die 57-jährige strahlt schon auf den ersten Blick eine unglaubliche Energie aus. Der blonde Wuschelkopf und die herzliche Begrüßung lassen erahnen, warum die geborene Hanauerin so fotografiert, wie sie fotografiert. Sie wirkt einfach echt. Und auch der Blick ins Innere des Anwesens verrät viel über die gelernte Medizinerin. Überall hängen Tierportraits an den hohen Wänden und Herr Rosemann hat bereits auf seinem eigenen grünen Ledersofa neben dem Kamin Platz genommen.

Herr Rosemann entspannt auf seinem Sofa Foto: CEWE

Herr Rosemann entspannt auf seinem Sofa Foto: CEWE

„Ich liebe Tiere“, erklärt Ruth Marcus fasst überflüssig. Spätestens beim Blick in den Garten wird klar, dass Tiere für die Hessin so etwas wie ihr Lebenselixier sind. Vom Stuhl auf der Terrasse, auf dem es sich gerade die Hof-Katze gemütlich gemacht hat, schweift plötzlich ihr Blick nach links. Zwischen Hecke und Hauswand kommt, als sei das Normalste der Welt, ein Vollblut-Araber durch den Garten gelaufen. Er begrüßt seine Halterin und uns mit dem Hengst typischen Aufblähen der Nüstern und einem heftigen vibrieren seiner Lippen. „Das ist Sharon“, umarmt sie den Hals des wunderschönen Tieres. „Der kommt mehrmals am Tag aus seiner Scheune hier runter in den Garten und braucht seine fünf Minuten Kuscheleinheit“, erklärt sie freudestrahlend. Am Liebsten würde sie uns gerne alles auf einmal zeigen ­­– das Freilicht-Studio auf der hofeigenen Koppel direkt hinter dem Garten, die zahlreichen Bildbände und Kalender über Hunde, Katzen und Pferde, die bereits mehrfach prämiert wurden. Ruth Marcus freut sich über das, was sie als Autodidaktin in ihrer noch jungen Fotografenlaufbahn erreicht hat.

EIne innige Beziehung zwischen Ruth Markus und ihrem Araber Sharon. Foto: Ulf Duda

EIne innige Beziehung zwischen Ruth Markus und ihrem Araber Sharon. Foto: Ulf Duda

Fotografie war schon damals allgegenwärtig

Auf ihrer Terrasse, bei Eis und Kaffee, erzählt sie uns mehr von ihrem bewegten Leben. „Dass ich Ärztin geworden bin, daran ist mein erster Freund schuld. Er war Humanmediziner“, erzählt sie nahezu beiläufig. Denn auch wenn sie selbst bis Mitte der neunziger Jahre als Ärztin praktiziert hat wusste Sie schon damals, dass sie für etwas anderes bestimmt war. Spätestens als ihr Mann ihr eine Leica M6 schenkte, war die in ihr schlummernde Berufung zum Leben erweckt. „Meine ersten Versuche waren grausam. Ich kam mit der analogen Technik überhaupt nicht zurecht. Ich habe aber schon damals alles im Kopf fotografiert und hätte gerne so etwas wie eine Neuro-Print-Kopplung gehabt, um all diese wundervollen Motive einfach auszudrucken“, kommt doch wieder die Medizinerin in ihr durch. Zusammen mit ihrem verstorbenen Mann Rainer führte sie nach der Karriere als Ärztin eine erfolgreiche Werbeagentur. Auch hier war die Fotografie allgegenwärtig. Sie betreute Fotoshootings und nahm bei Bedarf die Kamera auch immer wieder selbst in die Hand. Aber erst mit Einzug des digitalen Zeitalters wurde für Ruth Marcus aus der brodelnden Leidenschaft eine echte Berufung. Als Autodidaktin hat sie es einfach probiert und schon früh ihre besondere Gabe der Tierfotografie entdeckt. „Ich verstehe Tiere. Ich weiß, was sie fühlen“, schildert sie ihre offenbar einzigartigen Fähigkeiten. „Ich beobachte viel. Dann kann man das Tier richtig fühlen“, startet Sie den Versuch einer Erklärung ihrer außergewöhnlichen Begabung.

Fotografieren mit Instinkt

Aber auch Ruth Marcus ist nicht als vom Meister als Himmel gefallen. „Ich habe viel geübt und ausprobiert.“ Dafür musste „Töle“ herhalten. Eine prachtvolle Dobermann-Hündin, die vor ein paar Jahren verstorben ist. „Sie habe ich am liebsten bei laufender Musik fotografiert. Bei Bob Dylan hat sie nämlich immer mitgesungen. Dabei kamen extrem lustige Bilder zustande.“ Aber auch ihr Hengst Sharon musste als Amateur-Modell öfter mal den Kopf hinhalten. Und auch heute sagt Marcus von sich selbst, dass sie keine Fotografin ist, die technisch perfekte Aufnahmen produziert. Vielmehr ist es ihr Instinkt, ihre unbändige Neugier und Dinge einfach mal anders zu betrachten, was sie so einzigartig und erfolgreich macht. Das bestätigt sie ohne Abstriche bei einem Privatshooting am Nachmittag. Zusammen mit ihrem Araber Hengst Sharon und ihrer Canon 1 DS Mark III nimmt sie uns mit auf ihre Koppel ins Freilicht-Studio. Es dauert keine Minute, bis die Hessin auf, unter, über, vor und hinter ihrem Pferd sitzt, liegt, steht und krabbelt. Eine unglaubliche Energie, die auch unseren Fotografen Ulf Duda ansteckt. „Ich achte beim Fotografieren nicht darauf, ob das Pferd perfekt steht oder die Proportionen eines Arabers ideal zur Geltung kommen. Das natürliche, scheinbar Normale ist für mich wichtiger und etwas ganz Individuelles“, erklärt Marcus im professionellen Gedankenaustausch mit Ulf Duda.

Den Kopf voller neuer Projekte

Und genau das ist der Autodidaktin auch mit Karl Heinz Schmidt und seinem Häschen gelungen. Die beiden sind ebenfalls ein Porträt aus ihrem aktuellen Buch „Männer und ihre Tiere“. Dabei lacht der Bauer, der nur der Hasenmann genannt wird,  so herzlich ehrlich und hält dabei in seinen kräftigen Pranken, völlig natürlich und sanft, ein kleines Häschen in den Händen. Eine Symbiose zwischen Mensch und Tier, die so wohl nur eine Ruth Marcus ablichten kann. Rastlos und ständig voller inspirierender Ideen hat die Hessin auch schon wieder ihre „Neuro-Print-Kopplung“ aktiviert und neue Bilder im Kopf, Bilder für ein weiteres Fotoprojekt. „Ich möchte das Konzept mit den Männern gerne auf Kinder adaptieren. Die haben noch mal eine ganz andere Beziehung zu den Tieren. Da kann man mit wundervollen Motiven eine tolle Geschichte erzählen.“ Wann Sie mit dem Projekt startet, weiß Ruth Marcus noch nicht.

Abschied von der Villa Kunterbunt

Am Abend verabschieden wir uns von der Powerfrau und Fotografin und bedanken uns für einen wundervollen und einzigartigen Tag auf ihrem Hof. Wie fast immer lacht sie und sagt, dass sie uns gerne wieder begrüßen würde. Wir steigen in unseren Bus sind noch immer völlig überwältigt von so viel Natürlichkeit und Normalität beim Umgang mit Mensch, Tier und Fotografie. Und doch spüren wir diesen einzigartigen Moment, das Magische, das Künstlerische, das Ruth Marcus mit ihrer Leidenschaft und ihrem Willen erreichen kann.

Ruth Marcus Foto: Ulf Duda

Ruth Marcus Foto: Ulf Duda

Ruth Marcus (* 26. Juli 1958 in Hanau)

Bildbände
• 2014: Pferdeaugenblicke. Knesebeck, München, ISBN 978-3-86873-657-1.
• 2013: Männer und ihre Tiere. Knesebeck, München, ISBN 978-3-86873-578-9.
• 2011: Das große Buch der kleinen Hunde, BBDO Düsseldorf
• 2010: Katzen, Edition Braus
• 2009: Welpen, Edition Braus
• 2007: Hundeaugenblicke, (Collection Rolf Heyne)

Kalender (alle im Verlag teNeues)
2014
• Cats
• Dogs
• Horses

Neugierig geworden, dann schauen Sie am Besten bei
Ruth Marcus vorbei.

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