Perspektiv-Wechsel – Vom Profisport zur Sportfotografie

Seine Basketball-Bilder erzählen von entfesselten Glücksgefühlen und bodenloser Niedergeschlagenheit. Von genialen Zweikämpfen, von Teamgeist und dem kollektiven Taumel der Fans. Profifotograf Ulf Duda versteht es, den Spirit des Ballsports auf eine einzigartig emotionale Weise einzufangen. Kein Wunder: Der Mann ist ein Besessener – und als früherer Handball-Profi auch so etwas wie ein Insider. Das Portrait eines erfolgreichen Seitenwechslers.

Ulf Duda bei seiner Leidenschaft, der Sportfotografie Foto: CEWE

Ulf Duda bei der Arbeit als Sportfotograf Foto: CEWE

Es gibt dieses Bild von Ronnie Burrell, dem Power Forward der EWE Baskets, wie er auf dem Bett eines Hotelzimmers in Izmir sitzt mit nacktem Oberkörper und einem Kopfhörer und gedankenversunken Musik hört. Ein Profisportler der ganz bei sich ist, sich sammelt, vielleicht noch einmal die entscheidenden Szenen des Playoff-Spiels vom Vorabend Revue passieren lässt. Nichts ist geschönt in dieser Schwarzweißaufnahme, die Ulf Duda unbemerkt und aus einigen Metern Entfernung durch die offene Zimmertür geschossen hat. Halbleere Wasserflaschen stehen auf Nachttisch und Sideboard, am Boden liegen ein Handtuch und ein Paar Badeschlappen. Es ist ein durch und durch authentischer, ein intimer Blick hinter die Kulissen des Leistungssports.

Ein Bild, wie es die Fans lieben

„Das Zwischenmenschliche ist entscheidend, wenn man zu ungestellten und nahen Bildern kommen will“, sagt Duda, der sich seit 2008 für die fotografische Dokumentation der EWE Baskets und seit 2010 darüber hinaus für die der gesamten Beko Basketball Bundesliga verantwortlich zeichnet.
“Ich weiß, wie man sich als Profisportler fühlt und die Spieler wissen natürlich auch, dass ich früher professionell Handball gespielt habe. „Das hat geholfen, ein unbedingtes Vertrauensverhältnis aufzubauen. Inzwischen bin ich so etwas wie ein Teil der Mannschaft und kann mich überall frei bewegen und fotografieren.“

Rückblende: Mai 2011, beim Handball-Spiel zwischen dem TV Cloppenburg und SV Beckdorf, kurz vor Abpfiff. Es steht 28 zu 27, da startet der SV Beckdorf einen letzten Angriff. Der Rechtsaußen täuscht kurz an, nutzt die Lücke, die sich an der Sechs-Meter Linie für Sekundenbruchteile auftut, er springt auf Ulf Duda zu und knallt den Ball in die linke untere Hälfte des Tors. Besser gesagt: Er versucht es.
Denn Duda springt dem Angreifer entgegen, macht sich breit und fängt das mit rund 100 Stundenkilometern auf das Tor zurasende Geschoss mit seinem linken Bein ab. „Ich habe mich scheinbar nach rechts orientiert und den Angreifer damit animiert, nach links zu werfen“, erinnert sich Duda. Angetäuscht und gemeistert. Der Ball prallt ab, der Sieg ist gesichert, die Fans des TV Cloppenburg jubeln.

Vieles ist Training, aber es gehört auch eine gute Portion Glück und Talent dazu Foto: Lichtfuß

Vieles ist Training, aber es gehört auch eine gute Portion Glück und Talent dazu Foto: Lichtfuß

Die Macht des intuitiven Blicks

„Als Handball-Torhüter brauchst du ausgeprägte Reflexe, das richtige Timing“, sagt Duda, 34, den sie „Katze“ nannten als er noch Schlussmann des Handball-Zweitligisten HSG Varel war. „Das alles lässt sich bis zu einem gewissen Punkt trainieren. Um wirklich schwierige Angriffe abzuwehren braucht es aber mehr: Ein Gespür dafür, wie bestimmte Spieler agieren, einen intuitiven Blick für das, was im nächsten Moment passieren wird. Das kommt mir auch heute noch zugute bei meiner Arbeit als Basketballfotograf.“

Die große EWE Arena in Oldenburg, Anfang März dieses Jahres. Es ist eine der spektakulärsten Aktionen im Spiel der EWE Baskets gegen die Crailsheim Merlins: Nach einem Fast Break entreißt „EWE Baskets“-Guard Maurice Stuckey dem Gegner den Ball, täuscht einen Pass an, dann geht er mit zwei großen Schritten durch die Lücke, springt ab und stopft das rote Leder in den Korb. Ein großartiger, formvollendeter Spielzug – und eine Steilvorlage für jeden Sportfotografen. Und was macht Duda? Er zielt mit dem 70-200 mm Teleobjektiv auf den Fanblock auf der gegenüberliegenden Seite der Halle. Ziel verfehlt, könnte man meinen, es ist als ob ein Jäger ein Kaninchen erwischt, den Zwölfender vor seiner Flinte verpasst. Doch der Eindruck trügt, denn Duda weiß genau, was er tut. Vor dem Spiel hat er eine Spiegelreflexkamera hinter dem Backboard-Plexiglas des Korbs befestigt, die er drahtlos quer durch die Halle ansteuern kann. Am Ende der Spielszene hat er also beides im Kasten: Den spektakulären Dunking und die euphorischen Reaktionen der Fans. Angetäuscht – und gemeistert.

Vom Profisportler zum Profisportfotografen

Ulf Duda hat den Handballsport mit der Muttermilch aufgesogen – buchstäblich. Sein Vater und seine Mutter sind passionierte Handballer. Bereits mit neun Jahren spielt der Sohn im Verein. Schnell zeigt er Talent, zunächst als Feldspieler, später als Torhüter mit ausgezeichneter Reaktionsfähigkeit, der seine Linkshändigkeit strategisch zu nutzen weiß. Mit 16, früher als die Regularien eigentlich vorsehen, trainiert er mit den Herren, erst in der dritten, dann in der zweiten Liga. „Ich habe jeden Wochentag trainiert, und am Wochenende war ich mit meiner Mannschaft auf Tour. Handball war mein Leben“, sagt Duda. „Es war ein fantastisches Gefühl, gemeinsam mit meinem Team etwas auf die Beine zu stellen, und es war überwältigend als Torhüter ein Spiel im buchstäblich letzten Moment mitentscheiden zu können.“

Mit 22 bringt er die Spiegelreflexkamera seines Vaters mit in die Halle. Schnell merkt er, dass ihn der Blick auf das Spiel ähnlich begeistert wie das Spielen selbst. Duda stürzt sich mit Verve in die neue Disziplin, verfeinert seine fotografische Technik und seinen Stil, immer ein Ziel vor Augen: Die Faszination und die Dynamik des Ballsports in Schlüsselbildern zu verdichten. Bald findet er erste Abnehmer, er beginnt neben Handball- auch Basketballspiele zu fotografieren, die Anfragen von Zeitungen und Online-Medien häufen sich. Eines Tages akkreditiert er sich bei den EWE Baskets. Die Presseverantwortlichen des Vereins sind begeistert von Dudas besonderer Art der Sportfotografie, es dauert nicht lange, da hat er einen Vertrag in der Tasche – als Bildverantwortlicher der Kommunikationsabteilung. „Irgendwann war mir klar, dass sich meine Karriere als Profisportler und als Sportfotograf nicht mehr vereinbaren lassen“, sagt Duda, der 2011 seine aktive Spieler-Karriere beendet. „Ich habe fotografisch Vollgas gegeben, wie früher beim Handball. Heute“, sagt er und deutet mit einer Handbewegung auf die Halle vor sich, „bin ich hier.“

Leidenschaft im Finger

Basketball ist eine extrem schnelle Sportart, eine, die dem Fotografen eine besonders hohe Reaktionsfähigkeit abfordert. Duda kommt während der Begegnung keine Sekunde zu Ruhe. Minuten vor dem Spiel war er noch aufs Spielfeld gelaufen,  um den Einlauf der Gastgeber festzuhalten, jetzt liegt er an einer Ecke des Spielfelds und zielt mit einem 300 mm Teleobjektiv knapp über das Parket. Dann sprintet er zurück zu seinem Laptop, schiebt die Speicherkarte ins Laufwerk, nimmt Bildoptimierungen vor, croppt hier, passt dort den Weißabgleich an und verschlagwortet die Bilder sekundenschnell mit wenigen, tausende Male durchgespielten Handgriffen. Er ist dabei, als die Mannschaft beim Timeout die Köpfe zusammensteckt, läuft kurz darauf wieder ans andere Spielfeldende, kniet mit seiner Kamera nieder, wirft sich schließlich auf den Boden, um einen Rebound aus der besonders imposanten Froschperspektive ins Bild zu fassen. Pro Halbzeit muss er zehn Top-Shots von jeder Mannschaft liefern – einen Wert, den er meist spielend überbietet. In der Pause checkt Duda kurz die Facebook-Seite der Crailsheim Merlins: Die ersten Duda-Bilder sind online.

 

Doch Duda ist nicht nur der Mann des schnellen, technisch perfekten Newsbilder, sondern auch und vor allem der hintergründigen, Zwischentöne und Stimmungen einfangenden  Fotografie. Im letzten Spielviertel, die Pflicht ist getan, nimmt Duda nimmt seine Kamera und macht Jagd auf das andere, das außergewöhnliche Bild, das zu seinem Markenzeichen geworden ist. Seine spektakulären Hallen-Panoramen etwa, die er mit einem Weitwinkelobjektiv vom äußersten Ende der Hallendecke einfängt. Oder die Schwarzweißbilder, in denen der Oldenburger, die entscheidenden Momente in extrem kontrastreichen, grafisch anmutenden Motiven dramatisch verdichtet. Duda experimentiert mit neuen Perspektiven, radikalen Ausschnitten, Gegenlichtsituationen, Unterbelichtungen und langen Belichtungszeiten. Nicht jedes dieser Experimente glückt. Dafür entstehen Bilder, die eher visuellen Reflexionen über das Phänomen Basketball gleichen als austauschbaren Sportaufnahmen. Bilder von essayistischer Qualität, solche, die etwas Grundsätzliches erzählen. Über den Sport, über Sieg und Niederlage, Mannschaftsgeist. Über entfesselte Emotionen und einsame Entscheidungen. Über den Menschen an sich. „An emotionalen Momenten herrscht kein Mangel, die Kunst besteht darin, die wesentlichen zu erkennen und mit wenigen Augenblicken, zu erzählen, was das Spiel ausgemacht hat“, sagt Duda. „Dass ich früher Handball gespielt habe, hilft dabei. Ich weiß, wie man ein Spiel lesen und wo ich mich aufhalten muss, um die entscheidenden Spielszenen einzufangen. Ich weiß, welcher Spieler den Ball gern in den Korb stopft und mit welcher Hand er das tut. Und ich weiß, wie die Trainer ticken und wann die Fans ausflippen.“

Auf Ballhöhe

Inzwischen hat Duda rund 250 Basketballspiele fotografisch begleitet, seine aktive Zeit als Handballer liegt Jahre zurück. Doch die Profilaufbahn wirkt nach – fotografisch wie menschlich. Der ehemalige Handballzweitligist ist auch heute mittendrin statt nur dabei. Erlebt er immer noch Gänsehautmomente? „Auf jeden Fall“, sagt er, als die EWE Baskets nach dem Spiel durch die Gasse zwischen Publikum und Pressegraben laufen und seine Hand abklatschen. Früher, während eines Handballspiels, sei er immer hochkonzentriert gewesen und habe in den entscheidenden Momenten absolute Ruhe bewahrt. Nach einer wichtigen Parade oder einer gewonnen Partie seien die Gefühle dafür umso stärker aus ihm herausgebrochen. „Das“, sagt Duda, „geht mir auch heute noch so. Ich freue mich über jedes gelungene Bild wie über das erste, das von mir veröffentlicht wurde.“ Für das nächste Spiel hat er bereits eine neue Idee: Er will ein Loch in die Basisplatte des Korbfußes sägen, auf Kniehöhe. Ein neuer Blickwinkel, einer der sich zum Standard in der Basketballfotografie entwickeln könnte. Ulf Duda bleibt begeistert – und wie immer auf Ballhöhe.

Ulf Duda, Jahrgang 1980, spielte von 1996 bis 2011 als Torhüter in der Handball Regionalliga, Oberliga und der 2. Bundesliga, ehe er die Seiten wechselte und schwerpunktmäßig Handball und später auch Basketball zu fotografieren begann. Seit 2008 ist der Oldenburger verantwortlicher Fotograf der EWE Baskets Oldenburg, seit 2010 zusätzlich auch Fotograf der Beko Basketball-Bundesliga. Darüber hinaus zeichnet er für das Foto-Qualitätsmanagement in der Liga verantwortlich. 2012 erhielt Duda den „Manfred-Ströher-Medienpreis“ des Deutschen Basketball Bundes für herausragende Arbeiten in der Basketballfotografie.
www.fotoduda.deSportfotograf Ulf Duda Foto: CEWESo kommen Sie zu besseren SportbildernDie 7 Profitipps von Ulf Duda1. Nutzen Sie kurze Belichtungsszeiten
Grundsätzlich gilt: Je kürzer desto besser. Bei Handball und Basketball sollte es mindestens eine 1/640 sec. , beim Fußball mindestens eine 1/800 sec sein.

2. Keine Angst vor höheren Empfindlichkeiten
Mit steigenden ISO-Werten vermindern Sie die Verwacklungsgefahr und erhöhen Ihren Belichtungsspielraum (Die meisten zeitgenössischen Systemkameras liefern bei ISO 3200 und mehr hinreichend rauscharme Bilder.)

3. Nutzen Sie die Serienbildfunktion und den nachführenden Autofokus (AF cont.)
So erfassen Sie die entscheidenden Spielszenen und erhöhen die Ausbeute an technisch gelungenen Bildern.

4. Erzählen Sie eine Geschichte
Achten Sie beim Fotografieren auf den „roten Faden“ (Einleitung – Hauptteil – Schluss) und beziehen Sie Detailbilder von Umgebung und Setting mit ein.

5. Achten Sie auf klare Aussagen und „saubere“ Motive
Der/die Hauptakteur/e sollten erkennbar im Zentrum der Bildaussage stehen und frei von störenden Objekten sein.

6. Fangen Sie Emotionen ein
Emotionale Momente sind Hingucker. Setzen Sie sich mit der Sportart auseinander und versuchen Sie, Jubelszenen vorauszuahnen.

7. Nutzen Sie ungewöhnliche Perspektiven
Steigen Sie auf einen Stuhl oder gehen Sie in die Hocke. Durch außergewöhnliche Perspektiven heben sich Ihre Fotos von denen anderer ab. 

 

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