Wild at Heart – Auge in Auge mit dem König der Tiere

Die Wildtiere Afrikas und Indiens sind millionenfach fotografiert worden. Doch nur wenige Tierfotografen weltweit schaffen es, neue Bilder jenseits der Klischees zu finden. Der Wildlife-Fotograf und studierte Geologe Stephan Tüngler gehört dazu. 

Ein Gruppe Gnus und ein Schwarm Tauben, mehr ist nicht zu sehen auf dem Bild, das Stephan Tüngler in der südafrikanischen Kalahari-Wüste aufgenommen hat. An und für sich keine spektakuläre Konstellation, ja nicht einmal eine, für die die meisten Wildlife-Fotografen ihre Kamera zum Auge führen würden. Und doch gehört das Bild zu den Top-Shots, die Tüngler im Laufe der letzten 20 Jahre aus Afrika mitgebracht hat, denn es hat neben der inhaltlichen auch eine betörende grafische Qualität. Kneift man die Augen nur ein wenig zu, so löst sich das konkrete Treiben der Tiere in abstrakte Strukturen auf: schwarze Pinselstriche vor einem teils verwischten, teils scharf konturierten ocker- und honigfarbenen Hintergrund. Formal erzählt dieses Bild vom Widerstreit warmer, beruhigender Farben und wirbelnden Bewegungen, von Ruhe und von Dynamik. Inhaltlich erzählt es vom Widerstreit zweier Tierarten um die knappe Ressource Wasser. Mit seiner subjektiven, essayistischen Art der Fotografie ist Tüngler etwas gelungen, was nur wenigen Wildlife-Fotografen gelingt: Ein ambivalentes, ein vielschichtiges Bild von geradezu transzendentaler Qualität. Eins, das den allgegenwärtigen Existenzkampf in Naturräumen verdichtet und zugleich die Magie, die eben diesen Naturräumen innewohnt.

Gnus und Tauiben am Wasserloch - Kgalagadi Transfrontier Park, Südafrika/Botswana.

Gnus und Tauiben am Wasserloch – Kgalagadi Transfrontier Park, Südafrika/Botswana. Foto: Tüngler

„Die Aufnahme ist in der Hochphase der Trockenzeit entstanden, an einem nahezu ausgetrockneten Wasserloch (Flussbett), alles war kahl, eine einzige Sandfläche“, sagt Tüngler. „Die Gnus sind charakteristische Vertreter für diese Region, genügsam, was das Nahrungsangebot angeht, aber darauf angewiesen, regelmäßig zu trinken, ebenso wie die Tauben, die immer wieder davonstoben, sobald sich die Gnus näherten.“ Die impressionistische Stimmung erzielte Tüngler dank des weichen Gegenlichts, das er morgens um sieben mit einer Canon EOS 5D Vollformatkamera einfing – und dank der relativ langen Belichtungszeit von 1/50 s: Die Gnus sind gerade noch scharf abgebildet, die Tauben leicht bewegungsunscharf.

Gegenlichtsituationen nehmen ohnehin einen prominenten Platz im Portfolio des Wildlife-Fotografen ein – das Gros seiner Fotografie spielt sich kurz nach Sonnenaufgang oder kurz vor Sonnenuntergang ab, dann, wenn das Licht warm und weich ist. Ein typisches Beispiel: Die Aufnahme „Magical sky“, die in der Masai Mara, dem tierreichsten Reservat Kenias, entstanden ist. „Wir waren auf dem Rückweg zu unserer Lodge und der Fahrer trat wegen der heraufziehenden Dunkelheit ordentlich aufs Gaspedal“, erinnert sich Tüngler. „Irgendwann habe ich dann zurückgeblickt eine Gruppe von Antilopen gesehen – und dieses unglaubliche Licht. Der Himmel war geschlossen, in der Ferne regnete es bereits und plötzlich brach die Sonne durch und tauchte die Landschaft in dieses unwirkliche Goldrot. Es war einer dieser Momente, in denen man ehrfürchtig wird. Ich ließ den Fahrern anhalten, und kurze Zeit später hatte ich mein Bild.“

Silhouetten - Leierantilopen kurz vor Sonnenuntergang Masai Mara Game Reserve,Kenia. Foto: Tüngler

Silhouetten – Leierantilopen kurz vor Sonnenuntergang Masai Mara Game Reserve,Kenia. Foto: Tüngler

Natürlich gehören auch die typischen Raubkatzenportraits zum Repertoire des Hamburger Fotografen. Löwen, die die Zähne fletschen oder mit ihren Jungen kuscheln, Leoparden auf nächtlicher Pirsch, ein Gepard, der ein Impala reißt. Dazu fliehende Antilopen, Zebras, die durch einen Tümpel galoppieren und immer wieder: Elefanten. Etwa jener Ausnahme-Shot, bei dem sich einer der Dickhäuter im weichen Abendlicht auf seine Hinterbeine stellt, um mit dem Rüssel eine Frucht von einem Akazienbaum zu pflücken. Tünglers außergewöhnlichste Aufnahme aber ist bei Nacht entstanden, im South Luangwa Nationalpark, im Südosten Sambias. Sie zeigt ein totes Flusspferd, das kopfüber im Luangwa Fluss liegt und alle Viere in die Luft streckt, umzingelt von Krokodilen, die sich an ihm zu schaffen machen und deren Augen im Schein von Tünglers Scheinwerfer silbrig reflektieren. Besonders surreal wirkt die Szene, weil sich der Fotograf für eine fünfsekündige Belichtungszeit entschied, was die Augen der schneller schwimmenden und von der Sandbank ins Wasser gleitenden Panzerechsen in gelb und weiß leuchtende Linien verwandelt hat – ein ebenso faszinierender wie gespenstischer Anblick.

Angesichts der wachsenden Konkurrenz durch Amateurfotografen sei es unabdingbar, das andere, bessere, das gestalterisch und motivisch außerordentliche Bild zu liefern. Tüngler: „Löwen sind millionenfach fotografiert worden, ein 20 Jahre altes Löwenportrait ist denen von heute immer noch sehr ähnlich. Die Herausforderung besteht also darin, besondere Lichtsituation, außergewöhnliche Anschnitte und ungesehene Perspektiven zu finden. Nur so hat man eine Chance in der Bilderflut wahrgenommen zu werden.“ Dennoch könnten in Deutschland gerade mal eine Handvoll Menschen von der Wildlife-Fotografie leben. „Die Zeiten, als man im Auftrag von Magazinen zwei Wochen auf Recherchereise ging, sind definitiv vorbei“, sagt Tüngler. „Der Job funktioniert meist nur in einer Mischkalkulation, bei dem der Lebensunterhalt nicht allein über den Bilderverkauf, sondern auch über das Halten von Seminaren und Vorträgen oder – wie in meinem Fall – über das Anbieten organisierter Fotoreisen erwirtschaftet wird.“

Stretching-Cat-by-Stephan-Tuengler

Eine sich streckende Löwin
Masai Mara National Reserve, Kenia. Foto: Tüngler

Dass das bewusste Gestalten, das Suchen und Finden ungewöhnlicher Perspektiven und Lichtsituationen nicht alles entscheidend ist in einer Fotografie, die stark von der Begeisterung des Menschen für Tiere und ihr Verhalten lebt, beweist das bislang erfolgreichste Bild Tünglers. Es zeigt eine Löwin, die sich dehnt, die Augen wohlig geschlossen, die Vorderfüße ausgestreckt. Tüngler hat die ungewöhnliche Szene frontal eingefangen – ein seltener Anblick. „Das Bild ist technisch gut ausgeführt, war aber gestalterisch keine besondere Herausforderung, es lebt vor allem von dem besonderen Moment. Deshalb habe ich es erst auf Anraten von Freunden zum‚ Wildlife Photographer of the Year‘-Award eingereicht, dem weltweit renommiertesten Tierfotografie-Wettbewerb, der vom Natural History Museum in London ausgerichtet wird. Hier wurde es zum People’s Choice Award nominiert.“ Was dann folgte, hat den Fotografen völlig überrascht. Während des weltweiten Votings erhielt das Bild Hunderttausend Klicks, die Zugriffszahlen auf seiner Website explodierten. Inzwischen gibt es Schlüsselanhänger und T-Shirts mit dem Motiv der sich räkelnden Raubkatze, und auch der Verkauf der Bilder,  schnellte in die Höhe. Erfolg lässt sich eben nicht immer planen – zumal wenn es um die Fotografie wilder Tiere geht.

Stephan Tüngler mit Erdmännchen in Botswana

Stephan Tüngler mit Erdmännchen in Botswana

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Über Stephan Tüngler

Stephan Tüngler ist Diplom Geologe und Mitglied in der Gesellschaft Deutscher Tierfotografen (GDT). Der professionelle Wildlife-Fotograf und Inhaber der Agentur INAFRICA – ININDIA Reisen und Safaris hat im Laufe der letzten 20 Jahren mehr als 70 Reisen in die entlegensten Gebiete des südlichen und östlichen Afrikas und nach Indien unternommen. Tüngler gewann mit seinen Fotos zahlreiche Auszeichnungen in nationalen und internationalen Wettbewerben und veröffentlichte seine Werke in diversen Fachpublikationen. Im Januar 2015 stellte der Fotograf die Topshots aus 20 Jahren Wildlife-Fotografie in der großen Soloausstellung „In Afrika“ aus – als großformatige Prints.

www.afrika-reisen.com

9 comments

  1. G

    Einfach wunderschöne Aufnahmen Gibt es diese schönen Bilder auch in einem Buch ?

  2. F

    Beeindruckende Fotos! Als Afrika-Fan mit inzwischen 4 eigenen Fotobüchern ist die Sicht auf diese Fotos sehr interessant!

  3. R

    Die Bilder sind großartig. Afrika war auch immer mal mein Traum, es sollte nicht sein. Doch jetzt erfreue ich mich an solch wunderschönen Bildern, wie die von Ihnen.
    Danke, dass ich sie sehen durfte.
    Roswitha Mohr

  4. A

    Herrliche Bilder; auch qualitativ auf höchstem Niveau. Ich war selbst schon sehr häufig in Afrika – so tolle Bilder habe ich bisher aber leider noch nicht erreicht.
    Weiter so, Grüße aus Hamburg.
    Andreas Gowers

  5. S

    Lieber Andreas, vielen Dank für deinen Kommentar – das weiß ich sehr zu schätzen.
    Auch viele liebe Grüße aus Hamburg, Stephan

  6. U

    Sehr, sehr schön. Hut ab.

  7. S

    Vielen Dank, Ute!

  8. B

    Großartig!!!

  9. S

    Liebe Beatrix, vielen Dank 🙂

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